In der Straße Am Neuen Haus in Hermsdorf steht ein langer Wohnblock, dem man seine Herkunft kaum noch ansieht. Er wurde 1926/27 vom Architekten Thilo Schoder entworfen und war ein frühes Beispiel des Neuen Bauens in Ostthüringen – mit Flachdach, Klinkerfassade und Balkonen. Oft wird er als „Bauhaus-Siedlung“ bezeichnet. Das stimmt nicht ganz: Schoder kam aus der Schule Henry van de Veldes, nicht vom Bauhaus. Hier lesen Sie, wie der Bau entstand und was davon übrig ist.
Wohnungsnot im Keramikboom
In den 1920er-Jahren wuchs die Hermsdorfer Keramikindustrie rasant (mehr dazu in unserem Artikel zur Industriegeschichte Hermsdorf). Die Arbeiter brauchten Wohnungen, und so entstand ein Wohnblock für Kleinwohnungen. Die Baugenehmigung kam am 21. Mai 1926, spätestens im Januar 1927 war der Bau fertig. Bezogen wurde er 1927.
Vorgegeben waren 15 Wohnungen. Durch seine kompakte Planung brachte Schoder auf derselben Fläche 30 Kleinwohnungen unter. Mitarbeiter am Entwurf war Ernst Trommler.
Flachdach, Klinker, Balkone: der Entwurf
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Adresse | Am Neuen Haus 2–7, 07629 Hermsdorf |
| Architekten | Thilo Schoder mit Ernst Trommler |
| Bauzeit | 1926–1927 |
| Form | ein Block, rund 81 m lang, 6 Eingänge |
| Wohnungen | 30 Kleinwohnungen |
Ursprünglich hatte der Bau ein Flachdach, Fassaden aus unverputztem Sichtziegel und zweigeschossig vorspringende Mittelteile mit seitlichen Balkonen. Das dritte Geschoss war zurückgesetzt. In Nebengebäuden im Hof lagen Waschküche, Trockenboden und Kohlenschuppen. Der Block galt als Mustersiedlung für modernen Kleinwohnungsbau und brachte Schoder weitere Aufträge für Siedlungen in Ostthüringen.
Satteldach und Putz: wie der Bau sein Gesicht verlor
Die moderne Bauweise hatte Schwächen: Das Flachdach war undicht, die unverputzten Ziegel litten unter der Witterung, und technisch wurde der Bau nie ganz fertiggestellt. In der DDR wurde er deshalb stark verändert:
- In den 1950er-Jahren bekam der Block ein Satteldach (die Quellen nennen 1952 bis 1954).
- Zwischen 1962 und 1967 wurde die Fassade begradigt und verputzt.
- Ein Teil der Balkonbrüstungen wurde zugemauert.
Damit war der Charakter des Gebäudes nach Einschätzung von Architekturhistorikern „völlig verändert“. Wer heute vorbeigeht, sieht einen gewöhnlichen verputzten Wohnblock. Nach Berichten von 2019 stand er weitgehend leer und wartete auf eine Sanierung. Ob er unter Denkmalschutz steht, ist in den zugänglichen Quellen nicht belegt.
Thilo Schoder: von Weimar über Gera nach Norwegen
- 1888: geboren am 12. Februar in Weimar
- 1907–1911: Studium an der Kunstgewerbeschule Weimar bei Henry van de Velde, danach Arbeit bei Josef Hoffmann in Wien und erneut bei van de Velde
- ab 1919: eigenes Büro in Gera, Mitglied im Deutschen Werkbund, ab 1922 im Bund Deutscher Architekten
- Werke: unter anderem Haus Meyer in Gera, die Villa Tusculum in Weimar, Haus Stroß in Liberec und die Siedlung Am Galgenberg in Gera
- 1932: Schließung des Büros mangels Aufträgen, Auswanderung nach Norwegen
- 1940: Festnahme durch die Gestapo im besetzten Norwegen
- nach 1945: prägender Architekt der Moderne in Südnorwegen
- 1979: gestorben am 8. Juli in Kristiansand
Seine Schwester war die Opernsängerin Marie Gutheil-Schoder.
Hinweise für einen Besuch
Der Block steht in einem Wohngebiet und ist nur von außen zu sehen. Um die ursprüngliche Gestalt zu erahnen, lohnt ein Blick auf historische Fotos, etwa in der Datenbank modernism-in-architecture.org. Weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt stellen wir im Porträt Hermsdorf in Thüringen vor.


