Kaum eine Kleinstadt ist so von einem einzigen Werkstoff geprägt wie Hermsdorf in Thüringen. Aus einem Zweigwerk der Porzellanfabrik Kahla wurde ein Marktführer für Isolatoren, die Hescho, in der DDR das Kombinat VEB Keramische Werke Hermsdorf (KWH) mit rund 7.000 Beschäftigten und nach 1990 die Tridelta. Heute forscht hier das Fraunhofer-Institut an Hochleistungskeramik. Hier ist die Geschichte in fünf Kapiteln.
Vom Kahla-Zweigwerk zum Isolatorenhersteller (1890–1922)
Auslöser der Industrialisierung war die Bahnstrecke Weimar–Gera, die zwischen 1872 und 1876 entstand. 1889 baute die Porzellanfabrik Kahla in Hermsdorf ein Zweigwerk, das 1890 die Produktion aufnahm – zunächst mit Geschirr. Damals arbeiteten dort 80 Menschen, um 1905 bereits rund 1.000.
Entscheidend war der Wechsel zur Technik: Ab 1892 stellte das Werk Elektroporzellan her, also Isolatoren für Strom- und Telegrafenleitungen. 1897/98 kam die patentierte Delta-Glocke von Professor Friese auf den Markt; ihre Form steckt bis heute im Firmenzeichen „Tridelta“. 1905 entstand das erste Freiluft-Prüffeld, und Geschirr wurde nicht mehr produziert. Ab 1910 kam Chemieporzellan für Labore hinzu.
Hescho und das Tridelta-Zeichen
Am 15. Dezember 1922 gründete die Kahla AG die Hermsdorf-Schomburg-Isolatoren-Gesellschaft, kurz Hescho. Dazu gehörten die Werke in Hermsdorf, Freiberg, die Margarethenhütte in Großdubrau und die Tonwarenfabrik Schwandorf. Im Kern war die Hescho eine gemeinsame Verkaufsorganisation, geleitet von Direktor Friedrich Scheid. 1923 kam das Tridelta-Logo hinzu, Ende 1931 wurde das Hermsdorfer Werk selbst zum Hescho-Werk.
Ab 1924 entwickelte die Hescho Keramik für die Hochfrequenztechnik, etwa für Radios. Nach der Firmenchronik beauftragte sie Anfang der 1930er-Jahre die jungen Physiker Lothar Rohde und Hermann Schwarz mit einem Messgerät – ein Auftrag, der als Keimzelle des Münchner Unternehmens Rohde & Schwarz gilt.
Rüstung und Zwangsarbeit 1933–1945
In der NS-Zeit wurde die Hescho 1935 als „NS-Musterbetrieb“ ausgezeichnet und arbeitete zunehmend für die Rüstung. 1944 hatte das Unternehmen rund 5.000 Beschäftigte; etwa die Hälfte davon waren Zwangsarbeiter.
Insgesamt mussten im Zweiten Weltkrieg in Hermsdorf 3.586 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus 15 Nationen arbeiten, die meisten bei der Hescho, rund 1.800 von ihnen aus der Sowjetunion. 62 Erwachsene und 33 Kinder unter 15 Jahren starben. Der Hermsdorfer Otto Worms versteckte 1943 den 16-jährigen Naum Spektor und wurde dafür ermordet; Yad Vashem ehrt ihn als „Gerechten unter den Völkern“.
1941 baute Rohde & Schwarz in Hermsdorf einen 40-Kilowatt-Hochfrequenz-Prüfsender, mit dem Isolatoren getestet wurden. Dieser Großmeßsender war bis 1990 in Betrieb und ist seit Mitte der 1990er-Jahre ein technisches Denkmal (Eisenberger Straße 81). Der Verein für Regional- und Technikgeschichte führt ihn nach Anmeldung vor.
KWH: Kombinat, Prüffeld und Mikroelektronik
Im April 1945 besetzte die US-Armee Hermsdorf, im Juli die Rote Armee. Das Werk wurde 1946 Teil einer Sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG), es folgten Demontage und Reparationsproduktion. 1952 wurde es als „VEB Keramische Werke Hescho-Kahla“ volkseigener Betrieb.
1969 entstand das Kombinat VEB Keramische Werke Hermsdorf. Im selben Jahr, am 7. Oktober 1969, erhielt Hermsdorf das Stadtrecht. Das Kombinat produzierte weit mehr als Isolatoren:
- Ferrite und piezoelektrische Keramik
- ab 1958 Forschung an Mikroelektronik, ab 1965 die KME-Baureihe, ab 1969 ein eigenes Mikroelektronikwerk
- 1989 einen 4-Megabit-Hybridspeicher
Wahrzeichen der Stadt war das Freiluft-Hochspannungsprüffeld, damals das größte in Europa, mit bis zu 75 Meter hohen Stahlgittertürmen. 1989 arbeiteten rund 7.000 Menschen für das Kombinat, davon etwa 700 in der Entwicklung. Die Einwohnerzahl erreichte 1985 mit 11.071 ihren Höchststand.
Nach der Wende: Tridelta und Hochleistungskeramik
1990 wurde aus dem Kombinat die Tridelta AG. 1992 übernahm sie die landeseigene Jenoptik unter Lothar Späth, im selben Jahr wurden die Türme des Prüffelds gesprengt. Bis 1996 wurde Tridelta in mehr als 30 Firmen aufgeteilt und privatisiert. 2015 ging die Sparte für Überspannungsableiter an den japanischen Konzern Meidensha; alle Arbeitsplätze blieben erhalten.
Die Keramik-Tradition lebt weiter: 2010 wurde das Hermsdorfer Institut für Technische Keramik (HITK) vollständig in das Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme (IKTS) eingegliedert. Seit 2024 betreibt das IKTS in Hermsdorf Europas erstes Forschungszentrum für transparente Keramik. Rund 2.000 Menschen in der Region leben heute von technischer Keramik.
Industriegeschichte erleben
- Technische Sammlung Hermsdorf: Vereinsmuseum im Rathaus mit Isolatoren, Laborporzellan und Halbleitern aus der KWH-Zeit
- Großmeßsender: Vorführungen nach Anmeldung beim Verein für Regional- und Technikgeschichte
- Tridelta Campus: das frühere Werksgelände, heute Standort vieler Technologiefirmen
Mehr über die Stadt lesen Sie in unserem Porträt Hermsdorf in Thüringen. Wie Hermsdorf in den 1920er-Jahren auf die Wohnungsnot im Keramikboom reagierte, zeigt der Wohnblock Am Neuen Haus von Thilo Schoder.


