Das LOT-Theater in der Kaffeetwete 4a war fast drei Jahrzehnte lang das wichtigste Haus der freien Theaterszene in Braunschweig. Es wurde 1996 gegründet, 2021 mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet und im April 2024 nach einer Insolvenz von einem Tag auf den anderen geschlossen. Seit Mai 2026 wird das Gebäude unter neuer Trägerschaft wieder bespielt. Hier lesen Sie die Geschichte des LOT, die Gründe für das Aus und den aktuellen Stand.

1996 bis 2024: ein freies Theaterhaus in der Kaffeetwete
Das LOT-Theater wurde 1996 als zeitgenössisches freies Theaterhaus gegründet. Träger war der Verein LOT-Theater e.V. Spielstätte war das Haus in der Kaffeetwete 4a in der Braunschweiger Innenstadt.
2009 schärfte das LOT sein Profil: Es verstand sich fortan als Plattform für neue Arbeiten aus Theater, Tanz, Musik und Performance. Geleitet wurde es zuletzt von Stefani Theis und Martin von Hoyningen-Huene. 2019 rechnete das Haus mit mehr als 10.000 Besuchern im Jahr bei einer Auslastung von rund 60 Prozent. Innerhalb von zehn Jahren wuchs das Team von zwei auf 15 feste Mitarbeiter.
Profil: Gastspielhaus für Theater, Tanz und Performance
Ein eigenes Ensemble hatte das LOT nicht. Es zeigte Gastspiele und Koproduktionen freier Gruppen aus der Region und aus ganz Deutschland. Dazu kamen eigene Reihen und Festivals:
- Kinder- und Jugendtheatertage: seit 2013, eine Idee von Stefani Theis, gefördert von der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz. 2019 kamen zu 13 Vorstellungen mehr als 1.300 junge Zuschauer.
- frühSTÜCK: eine Reihe für den künstlerischen Nachwuchs
- Interkulturelle Theaterwerkstatt
- TanZstelle Braunschweig für zeitgenössischen Tanz
- Festival Wechselblick: Kunst von Menschen mit Behinderung, gemeinsam mit der Evangelischen Stiftung Neuerkerode
- Festival Durchstarter Niedersachsen
Außerdem war das LOT Spielort für Festivals anderer Veranstalter: das internationale Festival Theaterformen, die Braunschweiger Schultheaterwoche, das Figurentheaterfestival Weitblick des Theaters Fadenschein und die Reihe Beyond des Internationalen Filmfestivals Braunschweig. Für Studierende der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig war das Haus ein Spiel- und Erprobungsort.
Koproduktionen, Netzwerk und Theaterpreis des Bundes
Das LOT war Mitglied im Netzwerk freier Theater, einem Verbund freier Produktionshäuser, zu dem unter anderem das Lichthof Theater in Hamburg, das PATHOS in München, das studioNaxos in Frankfurt, das Theater Rampe in Stuttgart, das LOFFT in Leipzig und die Schwankhalle Bremen gehören.
Mit Partnern aus diesem Umfeld koproduzierte das LOT überregional beachtete Arbeiten. Ein Beispiel ist „Die Berufung“ des Theaterkollektivs Markus&Markus, entstanden mit den Sophiensælen Berlin, dem ROXY Birsfelden, der Schwankhalle Bremen, dem Theater Rampe, dem Lichthof Hamburg, dem Pavillon Hannover und dem WUK Wien.
2021 gehörte das LOT-Theater zu den elf Bühnen, die den Theaterpreis des Bundes erhielten.
Expansion nach St. Leonhard und der Weg in die Insolvenz
2021 wurde die Freie Spielstätten Braunschweig gGmbH (FSB) gegründet. Gesellschafter waren der LOT-Theater e.V. und das Theaterpädagogische Zentrum (TPZ). Die FSB übernahm Räume, Technik und Verwaltung, vermietete die Räume an LOT und TPZ weiter und kaufte das Haus in der Kaffeetwete.
Zugleich wollte das LOT wachsen: Im Quartier St. Leonhard sollte eine zweite Spielstätte mit rund 1.200 Quadratmetern in zwei denkmalgeschützten Scheunen entstehen; vorausgegangen war eine Machbarkeitsstudie von 2016 bis 2019. Diese Expansion gilt rückblickend als Wendepunkt. Fachmedien berichten von Fehlkalkulationen und davon, dass Projektmittel für laufende Kosten verwendet wurden. Die Stadt Braunschweig sprach von „Misswirtschaft“ und nannte für 2024 ein geplantes Defizit von rund 106.000 Euro.
Ende Februar 2024 stellte die FSB einen Insolvenzantrag, am 25. März 2024 folgte der LOT-Theater e.V.
April 2024: Schließung und Debatte um die Förderung
Am 12. April 2024 gab das LOT bekannt, dass es den Betrieb ab sofort einstellt – an beiden Standorten, in der Kaffeetwete und in St. Leonhard. Die FSB hatte zuletzt 33 Beschäftigte, alle verloren ihre Arbeit. Das Netzwerk freier Theater sprach von einem schweren Schlag für die freien darstellenden Künste in Niedersachsen und darüber hinaus.
Die Stadt hatte das LOT mit 224.000 Euro im Jahr gefördert. 2024 wurden 80.000 Euro vorab ausgezahlt; die übrigen 144.000 Euro flossen an andere Teile der freien Szene. Nach Darstellung der Stadt hätte mehr Geld die Insolvenz nicht verhindert. Eine Übernahme des Betriebs lehnte sie ab, unter anderem weil sie dann das Personal hätte übernehmen müssen. Kritiker warfen der Stadt vor, gleichzeitig ein „Haus der Musik“ zu planen. Studierende der HBK riefen zu einer Kundgebung auf dem Kohlmarkt auf.
Nach dem LOT: die Kaffeetwete 4a heute
- 2025: Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz kaufte das Haus in der Kaffeetwete 4a aus der Insolvenzmasse. Für Brandschutz, Energie und Technik wurden rund 900.000 Euro Sanierungskosten geschätzt.
- Trägerschaft: Der Dachverband Freie Darstellende Künste Braunschweig e.V. (DFDK) ist Entwicklungspartner und Zwischenmieter, die Stadt unterstützt die Miete über eine Kooperationsvereinbarung. Künftiger Betreiber soll eine Theaterhaus Braunschweig gGmbH werden.
- Mai 2026: Mit dem Zwischenprogramm „HAMMER!“ kehrte die freie Szene in das Haus zurück, zunächst mit rund 45 bis 50 Veranstaltungen.
- August 2026: Das Programm wurde bis Ende 2026 verlängert. Danach soll saniert werden; eine Wiedereröffnung ist für Herbst 2027 angestrebt, die Finanzierung war zuletzt noch nicht geklärt.
Den Namen LOT trägt das neue Haus nicht. Wer Programm und Termine sucht, findet sie beim Dachverband Freie Darstellende Künste Braunschweig und in der Braunschweiger Lokalpresse.
Ein Porträt eines weiteren Hauses der freien Szene finden Sie in unserem Artikel über die Theaterkantine Düsseldorf; mehr Bühnen in der Rubrik Theater.
Quellen
- nachtkritik.de: Braunschweig – Das LOT-Theater stellt Betrieb ein
- taz: LOT-Theaterinsolvenz in Braunschweig
- Theater der Zeit: Spielort LOT-Theater
- Bundesregierung: Elf Bühnen erhalten Theaterpreis des Bundes 2021
- regionalHeute: Nach Insolvenz – dieses Theater soll ab Mai wieder bespielt werden (2026)







