Rehkitzrettung: vom Projekt Wildretter bis zur Wärmebilddrohne

Jedes Frühjahr fällt die erste Mahd genau in die Zeit, in der Rehe ihre Kitze im hohen Gras ablegen. Die Jungtiere fliehen nicht, sondern ducken sich – und werden vom Mähwerk erfasst. Seit über 25 Jahren arbeiten Forscher, Firmen und Ehrenamtliche an Lösungen: vom Infrarot-Handgerät des Forschungsprojekts „Wildretter“ über Sensorbalken am Traktor bis zur Wärmebilddrohne, mit der heute tausende Freiwillige Wiesen absuchen. Dieser Artikel erzählt die Entwicklung und erklärt, wie Kitzrettung heute funktioniert.

Warum Rehkitze bei der Mahd keine Chance haben

Rehe setzen ihre Kitze von etwa Mitte Mai bis Ende Juni – genau dann, wenn viele Wiesen zum ersten Mal gemäht werden. In den ersten Lebenswochen folgen Kitze dem Drückinstinkt: Bei Gefahr laufen sie nicht weg, sondern drücken sich regungslos ins Gras. Moderne Mähwerke sind bis zu 14 Meter breit und fahren 15 bis 20 km/h schnell. Ein liegendes Kitz ist vom Traktor aus praktisch nicht zu sehen.

Betroffen sind auch Junghasen und Bodenbrüter wie Rebhuhn, Fasan oder Stockente, deren Gelege oft schon im März und April in den Wiesen liegen.

Wie viele Kitze sterben wirklich?

Oft liest man, in Deutschland würden jedes Jahr 100.000 Rehkitze ausgemäht. Belastbar ist diese Zahl nicht: Es gibt keine amtliche Statistik. Die Deutsche Wildtier Stiftung, die die Zahl verbreitet hatte, räumte 2018 ein, sie sei wohl zu hoch, und hielt eher rund 50.000 für plausibel. Behörden nennen heute meist Spannen, das sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie zum Beispiel 60.000 bis 100.000 getötete Wildtiere pro Jahr. Die genaue Zahl kennt niemand; nach allen Schätzungen sind es aber jedes Jahr viele Zehntausend Tiere.

Die Anfänge: der Infrarot-Wildretter

Am Anfang stand eine Idee aus der Raumfahrt. Dr. Volker Tank vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen übertrug Wärmemesstechnik aus der Satellitenforschung auf die Wiese. Das Ergebnis war ein Handgerät: Infrarotsensoren an einer Teleskopstange, die einen etwa 6 Meter breiten Streifen absuchen und Wärmequellen per Licht und Ton melden. Seit 1999 vertreibt die Firma isa industrieelektronik aus Weiden in der Oberpfalz diesen „Infrarot-Wildretter“.

2003 förderte die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) die Weiterentwicklung mit rund 95.000 Euro: An einem Ausleger am Traktor saßen bis zu 16 Infrarotsensoren. Die Technische Universität München testete zusätzlich Mikrowellensensoren, die den Wassergehalt eines Körpers erkennen und so ein Tier von einem sonnenwarmen Stein unterscheiden sollen.

Das Forschungsprojekt „Wildretter“ (2008–2015)

Von 2008 bis 2011 lief das Verbundprojekt „Wildretter“, gefördert vom Bundesforschungsministerium. Unter Leitung des Landmaschinenherstellers CLAAS arbeiteten das DLR, isa, die TU München und die Universität Hohenheim an Sensoren direkt am Mähwerk: Infrarotdetektoren, Mikrowellenradar sowie Video- und Wärmebildkameras. Das Projekt erhielt 2011 einen Innovationspreis auf der Landtechnikmesse SIMA in Paris.

Ab Mai 2012 folgte das Projekt „System und Verfahren zur Rehkitzrettung während der Grünlandmahd“, gefördert vom Bundeslandwirtschaftsministerium mit rund 2,5 Millionen Euro bis Ende 2015. Das Konzept lautete: Finden – Markieren – Wiederfinden – Retten und Sichern. Die Ergebnisse veröffentlichten die Partner damals auf der Projektwebsite wildretter.de, auf die bis heute viele Fachartikel und Merkblätter verweisen.

Der „fliegende Wildretter“: die Drohne setzt sich durch

Den größten Durchbruch brachte die Luft: Das DLR entwickelte einen Multikopter mit Wärmebildkamera und bezeichnet ihn als ersten praxistauglichen fliegenden Wildretter weltweit. Die Ergebnisse aus den Feldtests:

  • Trefferquote: Bei Dämmerung oder bedecktem Himmel wurde kein Kitz übersehen, bei Sonnenschein weniger als 10 Prozent.
  • Tempo: Die Suchleistung stieg von 4,5 Hektar pro Stunde (2012) auf rund 20 Hektar pro Stunde.
  • Praxis: In der Feldkampagne 2015 suchte das Team 170 Hektar ab und rettete dabei knapp 40 Kitze.

2020 gründete DLR-Forscher Dr. Martin Israel mit einem Partner ein Unternehmen, um die Technik zu vermarkten. Heute ist die Wärmebilddrohne das Standardwerkzeug der Kitzrettung.

Bundesförderung: Tausende Drohnen für Ehrenamtliche

Seit 2021 fördert der Bund die Anschaffung von Drohnen mit Wärmebildkamera. Eingetragene Vereine wie Kreisjägerschaften und Kitzrettungsvereine erhalten bis zu 60 Prozent der Kosten, höchstens 4.000 Euro pro Drohne.

JahrGeförderte Drohnen
2021rund 700
2022471
2023785
2025632

Eine bundesweite Auswertung der Saison 2023 zeigt den Umfang: 490 Rettungsteams suchten 475.000 Hektar ab, rund ein Fünftel des jährlich gemähten Grünlands. Im Schnitt fanden sie ein Kitz pro zehn Hektar, und nur 2,7 Prozent der Kitze wurden trotz Suche übersehen. Ein Team besteht im Durchschnitt aus zwei Drohnenpiloten und sechs Helfern, überwiegend Jäger und Landwirte.

Recht und Pflicht: Was Landwirte tun müssen

Wer ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet, macht sich nach § 17 Tierschutzgesetz strafbar. Die Mahd allein gilt nicht als vernünftiger Grund. Strafbar kann sich schon machen, wer den Tod eines Kitzes billigend in Kauf nimmt. Wer dagegen alles Zumutbare zum Schutz der Tiere tut, bleibt straffrei.

  • Jäger rechtzeitig informieren: Die Landesjägerschaft Niedersachsen empfiehlt mindestens 24 bis 48 Stunden vorher; ein Anruf am Vorabend reicht nicht.
  • Suche absprechen: Die gezielte Suche nach Wild braucht das Einverständnis des Jagdausübungsberechtigten.
  • Gerichte urteilen: Das Amtsgericht Forchheim stellte 2020 ein Verfahren wegen eines ausgemähten Kitzes nur gegen eine Geldauflage von 750 Euro ein und stellte fest, dass der Straftatbestand erfüllt war.

So gelingt die Kitzrettung

  1. Vorbereiten: Am Vortag Wiese verblenden – mit Knistertüten, Flatterbändern oder elektronischen Wildscheuchen – und den Rand anmähen, damit Ricken und Kitze die Fläche möglichst vorher verlassen.
  2. Früh suchen: Am besten zwischen etwa 4 und 8 Uhr morgens, wenn der Temperaturunterschied zwischen Tier und Boden am größten ist.
  3. Richtig anfassen: Kitze nie mit bloßen Händen berühren, sondern mit Handschuhen und einem Grasbüschel aufnehmen. Menschlicher Geruch kann die Geiß verunsichern und Fressfeinde anlocken.
  4. Sichern: Das Kitz in einer belüfteten Kiste im Schatten am Feldrand unterbringen – 2023 im Schnitt rund zwei Stunden.
  5. Mähen und freilassen: Direkt danach mähen, von innen nach außen, damit Tiere fliehen können. Anschließend lässt das Rettungsteam das Kitz am Feldrand frei.

Wer helfen möchte, findet über den örtlichen Hegering, die Kreisjägerschaft oder regionale Kitzrettungsvereine Anschluss – Helfer werden in der Setzzeit fast überall gesucht. Mehr über Tiere lesen Sie in unserer Rubrik Haustiere.

Quellen

Melanie ist eine Marketing-Managerin mit einer Leidenschaft für Kreativität und Innovation. Neben ihrer beruflichen Laufbahn schreibt Melanie für Parifar und verbindet dabei ihre beiden anderen Hobbies - Reisen und DIY.

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