Skin Picking (Dermatillomanie) 1

Skin Picking (Dermatillomanie): Wenn das Knibbeln an der Haut nicht aufhört

Skin Picking, fachlich Dermatillomanie, ist eine anerkannte psychische Erkrankung. Betroffene kratzen, drücken oder zupfen so häufig an ihrer Haut, dass Wunden und Narben entstehen, und schaffen es trotz vieler Versuche nicht, damit aufzuhören. Etwa 2 bis 3 von 100 Erwachsenen sind betroffen. Die Erkrankung ist gut behandelbar: Am besten belegt ist eine spezielle Verhaltenstherapie, das Habit Reversal Training.

Was ist Dermatillomanie?

Seit 2013 führt das US-amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5 die „Excoriation (Skin-Picking) Disorder“ als eigene Diagnose. Sie steht dort bei den Zwangsstörungen und verwandten Störungen. Auch die Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation, die ICD-11, kennt sie als eigenständige Erkrankung (Code 6B25.1). Sie gehört zu den körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen, kurz BFRB (Body-Focused Repetitive Behaviors). In diese Gruppe fällt auch die Trichotillomanie, das zwanghafte Ausreißen von Haaren.

Fachleute sprechen von einer Dermatillomanie, wenn diese Merkmale zusammenkommen:

  • Wiederholtes Bearbeiten der Haut, das zu Hautschäden führt.
  • Wiederholte, erfolglose Versuche, das Verhalten zu verringern oder zu beenden.
  • Deutlicher Leidensdruck oder Einschränkungen im Alltag, in Beruf oder Beziehungen.
  • Das Verhalten lässt sich nicht besser durch eine Substanz (z. B. Kokain), eine Hauterkrankung wie Krätze oder eine andere psychische Erkrankung erklären.

Gelegentliches Ausdrücken eines Pickels ist also keine Erkrankung. Entscheidend sind der Kontrollverlust und die Folgen.

Wie häufig ist Skin Picking?

In einer Befragung von 10.169 Erwachsenen in den USA erfüllten 2,1 % aktuell die Kriterien, 3,1 % irgendwann im Leben. Eine Metaanalyse aus 19 Studien mit über 38.000 Teilnehmenden kam auf rund 3,5 %. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer, das Verhältnis liegt etwa bei 1,5 zu 1. Die Erkrankung beginnt oft in der Jugend, nach Angaben der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen im Durchschnitt mit etwa 13 bis 14 Jahren, häufig im Zusammenhang mit Akne.

Woran Sie Skin Picking erkennen

Betroffene bearbeiten meist das Gesicht, die Kopfhaut, die Nagelhaut und die Finger, Arme oder Beine. Viele nutzen die Fingernägel, manche auch Pinzetten oder Nadeln. Fachleute unterscheiden zwei Muster, die oft nebeneinander vorkommen:

MusterTypische SituationMerkmal
Automatischbeim Fernsehen, Lesen, Telefonieren, am SchreibtischDie Hände wandern unbemerkt zur Haut.
Fokussiertvor dem Spiegel, bei Anspannung, nach StressGezieltes Suchen nach Unebenheiten, oft lange Episoden

Vorher spüren viele eine innere Anspannung oder den Drang, eine „störende“ Stelle zu glätten. Während des Pickings folgt oft Erleichterung, danach Scham, Ärger über sich selbst und der Versuch, die Stellen mit Make-up oder Kleidung zu verbergen. Dieser Kreislauf erklärt, warum reine Willenskraft selten reicht.

Keine Schwäche und keine Selbstverletzung im üblichen Sinn

Skin Picking ist weder eine schlechte Angewohnheit, die man „einfach lassen“ könnte, noch ein Zeichen von Eitelkeit. Anders als bei einer klassischen Zwangsstörung stehen meist keine angstauslösenden Zwangsgedanken dahinter. Und anders als bei selbstverletzendem Verhalten ist das Ziel nicht, sich Schmerz zuzufügen. Das Verhalten reguliert oft Gefühle wie Stress, Langeweile oder Anspannung.

Häufig kommen weitere Belastungen hinzu. In der großen US-Befragung berichteten Menschen mit aktuellem Skin Picking besonders oft von einer generalisierten Angststörung (63 %) und Depression (53 %). Diese Begleiterkrankungen sollten in der Behandlung mit angesprochen werden.

Wichtig ist auch die Abgrenzung zum Kratzen bei Juckreiz: Bei Neurodermitis oder anderen juckenden Hauterkrankungen ist der Auslöser das Jucken. Hier helfen vor allem die Behandlung der Haut und Strategien gegen Juckreiz. Beides kann sich aber überschneiden, etwa wenn Ekzemstellen zum Knibbeln verleiten.

Welche Behandlung hilft?

Habit Reversal Training (HRT)

Das Habit Reversal Training wurde 1973 von Nathan Azrin und Gregory Nunn entwickelt und ist die am besten untersuchte Therapie. Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse fand, dass in kontrollierten Studien nur Verhaltenstherapien einen klaren Vorteil gegenüber Vergleichsbedingungen zeigten. HRT besteht aus drei Bausteinen:

  1. Bewusstmachen: Sie lernen, erste Anzeichen zu erkennen, etwa die Hand, die Richtung Gesicht wandert.
  2. Gegenreaktion: Sie üben eine Handlung, die mit dem Picking unvereinbar ist, zum Beispiel für eine Minute die Hände zu Fäusten ballen oder einen Gegenstand festhalten.
  3. Unterstützung: Vertraute Personen bestärken Fortschritte, ohne zu kontrollieren oder zu schimpfen.

Das ComB-Modell

Das Comprehensive Behavioral Model (ComB) stellten Charles Mansueto und Kollegen 1997 vor. Es erweitert HRT: Statt eines festen Programms wird genau untersucht, wodurch das Picking bei Ihnen ausgelöst und aufrechterhalten wird. Dafür nutzt es fünf Bereiche, abgekürzt SCAMP:

BereichFrageBeispiel für eine Gegenstrategie
SensorischWelche Empfindung löst es aus?raue Stelle eincremen statt glätten
KognitivWelche Gedanken gehen voraus?„Das muss weg“ als Gedanken erkennen, nicht als Auftrag
AffektivWelche Gefühle spielen mit?Entspannungsübung bei Anspannung
MotorischWelche Bewegungen, welche Körperhaltung?Hände beim Lesen beschäftigen
OrtWo und wann passiert es?Vergrößerungsspiegel aus dem Bad entfernen

Entkopplung und weitere Ansätze

Die Entkopplung ist eine Selbsthilfetechnik, die Prof. Steffen Moritz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) entwickelt hat. Die Picking-Bewegung wird dabei kurz vor der Haut umgelenkt und in eine harmlose Bewegung überführt. In einer randomisierten Studie wurde sie bei Skin Picking untersucht. Das Selbsthilfe-Manual „Tricks gegen Ticks“ gibt es nach Registrierung kostenlos. Auch akzeptanzbasierte Verfahren werden mit HRT kombiniert.

Ein speziell für Dermatillomanie zugelassenes Medikament gibt es nicht. In Studien wurden unter anderem Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI und N-Acetylcystein untersucht, mit uneinheitlichen Ergebnissen. Ob ein Medikament sinnvoll ist, etwa bei einer begleitenden Depression, entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt.

Wo Sie in Deutschland Hilfe finden

  • Psychotherapie: Sie brauchen keine Überweisung. Der erste Schritt ist eine psychotherapeutische Sprechstunde. Freie Termine vermittelt der Terminservice der Kassenärztlichen Vereinigungen unter 116117 oder online. Fragen Sie gezielt nach Erfahrung mit Verhaltenstherapie bei BFRB, HRT oder ComB.
  • Hausarztpraxis oder Hautarztpraxis: für die Versorgung von Wunden, Narben und entzündeten Stellen und als erste Anlaufstelle.
  • Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ): Informationen zur Dermatillomanie und eine Liste von Selbsthilfegruppen.
  • Skin Picking und Trichotillomanie e. V.: Verein von und für Betroffene mit Online-Selbsthilfegruppen und Angeboten für Angehörige.

Was Sie selbst tun können

  1. Protokoll führen: Notieren Sie eine Woche lang, wann, wo und in welcher Stimmung Sie picken. Das zeigt Ihre persönlichen Auslöser.
  2. Hürden einbauen: Nägel kurz halten, Pflaster auf gefährdete Stellen, dünne Handschuhe beim Fernsehen, Pinzetten wegräumen.
  3. Hände beschäftigen: Knetmasse, Igelball oder ein Fidget-Spielzeug in Reichweite der typischen Situationen.
  4. Licht und Spiegel: Vergrößerungsspiegel entfernen und grelles Badlicht meiden, wenn Sie vor dem Spiegel am meisten picken.
  5. Haut pflegen: Eine gut gepflegte, glatte Haut bietet weniger „Angriffsfläche“. Akne sollte ärztlich behandelt werden.
  6. Rückfälle einplanen: Ein Rückfall ist kein Scheitern. Notieren Sie, was die Situation ausgelöst hat, und passen Sie Ihre Strategie an.

Für Angehörige: Hinweise wie „Hör doch einfach auf“ verstärken meist die Scham. Hilfreicher ist, ruhig nachzufragen, welche Unterstützung gewünscht ist, und kleine Fortschritte anzuerkennen.

Wann zum Arzt?

  • Eine Wunde wird rot, warm, geschwollen, schmerzt zunehmend oder eitert, oder Sie bekommen Fieber: Das spricht für eine Infektion und gehört zeitnah in ärztliche Hand.
  • Es entstehen tiefe Wunden, auffällige Narben oder dauerhafte Pigmentflecken.
  • Das Picking kostet täglich viel Zeit, Sie meiden Treffen, Sport oder Arbeit, oder Sie fühlen sich niedergeschlagen oder ängstlich.

Wenn Sie sich in einer Krise befinden oder an Suizid denken, sprechen Sie sofort mit jemandem: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112.

Wer vor allem nach einer ruhigeren, glatteren Haut sucht, findet Pflegetipps in unserem Beitrag Glowy Skin: 10 Tipps für strahlende Haut.

Quellen

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.

Melanie ist eine Marketing-Managerin mit einer Leidenschaft für Kreativität und Innovation. Neben ihrer beruflichen Laufbahn schreibt Melanie für Parifar und verbindet dabei ihre beiden anderen Hobbies - Reisen und DIY.

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