Skin Picking (Dermatillomanie) 1

Skin Picking (Dermatillomanie)

Die Dermatillomanie, auch bekannt als Skin-Picking-Störung oder Excoriation Disorder, ist eine psychische Erkrankung. Sie gehört zur Gruppe der körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen (Body-Focused Repetitive Behaviors, BFRBs). Menschen mit dieser Störung kratzen, quetschen oder zupfen zwanghaft an ihrer Haut. Das führt oft zu Verletzungen, Narben und Infektionen. Die Betroffenen können das Verhalten nicht kontrollieren, obwohl sie es möchten. Die Störung hat erhebliche Auswirkungen auf das tägliche Leben und die psychische Gesundheit.

Seit 2013 ist die Dermatillomanie im DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen) als eigenständige Diagnose anerkannt. Sie wird dort unter den Zwangsspektrumstörungen eingeordnet. Die Weltgesundheitsorganisation führt sie in der ICD-11 ebenfalls als eigene Störung. Trotz der offiziellen Anerkennung wissen viele Menschen wenig über diese Erkrankung. Auch viele Ärzte und Therapeuten haben nur begrenzte Erfahrung damit.

Skin Picking Disorder verstehen: Ursachen, Symptome, Diagnose & Therapie | DocTommy

Was genau passiert bei dieser Störung?

Bei der Dermatillomanie bearbeiten Betroffene ihre Haut auf verschiedene Arten. Sie kratzen, drücken, quetschen, reiben oder zupfen an der Haut. Manche benutzen nur ihre Fingernägel. Andere verwenden Werkzeuge wie Pinzetten, Nadeln oder Nagelscheren. Die Bearbeitung kann Minuten oder Stunden dauern.

Das Verhalten tritt in zwei Formen auf:

Automatisches Skin-Picking: Die Person merkt oft nicht, dass sie pickt. Es passiert nebenbei, etwa beim Fernsehen oder Lesen. Die Finger wandern unbewusst zur Haut und suchen nach Unebenheiten.

Fokussiertes Skin-Picking: Die Person konzentriert sich bewusst auf das Picking. Sie sucht gezielt Stellen an der Haut. Diese Form dauert meist länger und verursacht mehr Schäden.

Die häufigsten Körperstellen sind:

  • Gesicht (vor allem bei Akne)
  • Kopfhaut
  • Arme und Hände
  • Beine und Füße
  • Nagelhaut und Finger

Viele Betroffene haben eine Hauptstelle, die sie bevorzugt bearbeiten. Wenn diese heilt, wechseln sie oft zu anderen Körperbereichen.

Wie erkennt man die Symptome?

Die Kernsymptome der Dermatillomanie umfassen mehrere Merkmale. Zunächst gibt es das wiederholte Kratzen oder Zupfen an der Haut. Es führt zu sichtbaren Verletzungen. Die Person versucht immer wieder, das Verhalten zu stoppen. Das gelingt aber nicht dauerhaft.

Vor dem Picking spüren viele einen starken Drang oder eine innere Spannung. Während des Pickings fühlen sie oft Erleichterung oder sogar Befriedigung. Eine Studie von sciencedirect.com zeigt: Etwa 79% der Patienten berichten von angenehmen Gefühlen beim Picking. Manche beschreiben auch einen tranceähnlichen Zustand.

Danach kommen meist negative Gefühle. Scham, Schuld und Ärger über sich selbst sind typisch. Viele verstecken ihre Verletzungen mit langen Ärmeln, Make-up oder Verbänden.

Die Folgen für die Haut können erheblich sein:

  • Offene Wunden
  • Blutungen
  • Narbenbildung
  • Infektionen
  • In schweren Fällen: Abszesse oder Sepsis

Psychisch leiden die Betroffenen unter:

  • Vermeidung sozialer Situationen
  • Beeinträchtigung bei der Arbeit
  • Depressive Symptome
  • Angstzustände
  • Vermindertes Selbstwertgefühl

Welche Ursachen stecken dahinter?

Die genauen Ursachen der Dermatillomanie sind nicht vollständig geklärt. Wissenschaftler gehen von einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren aus.

Genetische Faktoren spielen eine Rolle. Studien zeigen, dass Betroffene häufiger Familienmitglieder mit ähnlichen Störungen haben. Untersuchungen am SAPAP3-Gen sind hier besonders interessant. Bei Mäusen führte das Ausschalten dieses Gens zu übermäßigem Putzverhalten. Ähnliche genetische Varianten finden sich auch bei Menschen mit körperbezogenen repetitiven Verhaltensweisen.

Neurobiologische Faktoren betreffen das Gehirn. Forschung zeigt Unterschiede in bestimmten Hirnregionen bei Betroffenen. Das Dopamin-System scheint beteiligt zu sein. Dopamin ist ein Botenstoff, der mit Belohnung und Motivation zusammenhängt. Drogen wie Kokain oder Methamphetamin, die Dopamin erhöhen, können Skin-Picking auslösen. Das deutet auf eine Störung im Belohnungssystem hin.

Auch die motorische Hemmung ist oft beeinträchtigt. Betroffene haben mehr Schwierigkeiten, unangemessene Verhaltensweisen zu unterdrücken. Das ähnelt Mechanismen bei Suchterkrankungen.

Psychologische Faktoren sind ebenfalls wichtig. Skin-Picking dient oft der Emotionsregulation. Es hilft, mit Stress, Langeweile oder Anspannung umzugehen. Nach einer Picking-Episode fühlen sich viele kurzzeitig besser. Das verstärkt das Verhalten langfristig.

Manche Betroffene haben eine erhöhte sensorische Empfindlichkeit. Sie nehmen kleine Hautunregelmäßigkeiten stärker wahr als andere. Das löst den Drang aus, diese zu entfernen.

Auslösende Situationen können sein:

  • Emotionaler Stress
  • Hautprobleme wie Akne oder Ekzeme
  • Traumatische Erlebnisse
  • Pubertät
  • Langeweile

Wie stellen Ärzte die Diagnose?

Die Diagnose erfolgt durch eine klinische Untersuchung. Ein Psychiater oder Psychologe führt ein ausführliches Gespräch. Dabei fragt er nach dem Verhalten, den Auslösern und den Folgen.

Nach dem DSM-5 müssen fünf Kriterien erfüllt sein:

  1. Wiederholtes Skin-Picking mit Hautverletzungen
  2. Mehrfache Versuche, das Verhalten zu reduzieren oder zu stoppen
  3. Die Symptome verursachen deutliches Leiden oder Beeinträchtigung
  4. Das Verhalten ist nicht durch andere medizinische Ursachen erklärbar
  5. Es liegt keine andere psychische Störung vor, die das Verhalten besser erklärt

Die kups.ub.uni-koeln.de bietet weitere Informationen zur Diagnostik dieser Störung.

Zur Einschätzung der Schwere gibt es verschiedene Fragebögen:

  • Skin Picking Scale-Revised (SPS-R)
  • Skin Picking Impact Scale (SPIS)
  • Generic BFRB Scale-8 (GBS-8)

Diese wurden auch ins Deutsche übersetzt und validiert. Sie helfen, den Verlauf der Erkrankung zu dokumentieren.

Ärzte müssen andere Ursachen ausschließen. Hauterkrankungen wie Krätze, Psoriasis oder Ekzeme können ähnliches Kratzen verursachen. Auch bestimmte Medikamente oder Drogen können Juckreiz auslösen.

Ist Dermatillomanie das Gleiche wie eine Zwangsstörung?

Die Dermatillomanie steht der Zwangsstörung (OCD) nahe, unterscheidet sich aber in wichtigen Punkten.

Bei OCD gibt es Zwangsgedanken. Das sind aufdringliche, ungewollte Gedanken. Sie lösen Angst aus. Die Zwangshandlungen dienen dazu, diese Angst zu reduzieren. Bei Dermatillomanie fehlen solche Zwangsgedanken.

Das Skin-Picking fühlt sich oft belohnend an. Bei OCD empfinden Betroffene keine Belohnung durch ihre Rituale. Sie erleben nur kurzzeitige Angstreduktion.

Die thieme-connect.com beschreibt in ihrer Fachpublikation die aktuellen Klassifikationen körperbezogener repetitiver Verhaltensstörungen.

Einige Forscher sehen mehr Ähnlichkeiten mit Suchterkrankungen. Das Verlangen vor dem Picking. Die Belohnung währenddessen. Der Kontrollverlust. Das alles ähnelt Suchtsymptomen.

Welche Begleiterkrankungen treten häufig auf?

Die Dermatillomanie tritt selten allein auf. Viele Betroffene haben zusätzliche psychische Erkrankungen.

Häufige Komorbiditäten sind:

  • Trichotillomanie (Haare ausreißen): etwa 38%
  • Depression: 32% bis 58%
  • Angststörungen: 23% bis 56%
  • Zwangsstörung: 17% bis 68%
  • Körperdysmorphe Störung: 27% bis 45%
  • Substanzgebrauchsstörungen: ca. 38%

Auch neurologische Erkrankungen können mit Skin-Picking einhergehen. Menschen mit Prader-Willi-Syndrom zeigen in 85% der Fälle Skin-Picking-Verhalten. Beim Smith-Magenis-Syndrom ist es ebenfalls häufig.

Diese Begleiterkrankungen machen die Behandlung komplexer. Sie müssen bei der Therapieplanung berücksichtigt werden.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Die Prävalenz variiert je nach Studie. Schätzungen gehen von 1,4% bis 5,4% in der Allgemeinbevölkerung aus. Eine US-Telefonumfrage fand, dass 16,6% der Befragten an ihrer Haut pickten. Bei 1,4% war es so stark, dass es die Diagnosekriterien erfüllte.

Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Früher ging man von einem deutlich höheren Frauenanteil aus. Neuere Forschung zeigt: Etwa 55% der Betroffenen sind weiblich. Frauen suchen auch häufiger Behandlung.

Der Beginn liegt meist in der Pubertät. Oft im Zusammenhang mit Akne. Ein weiterer häufiger Beginn ist zwischen 30 und 45 Jahren. Aber auch Kinder unter 10 Jahren können betroffen sein.

Ohne Behandlung kann die Störung 5 bis 21 Jahre andauern. Manche Experten betrachten sie als chronische Erkrankung.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Behandlung kombiniert meist Psychotherapie und Medikamente. Die Kombination wirkt besser als einzelne Ansätze.

Psychotherapie

Das Habit-Reversal-Training (HRT) ist die am besten untersuchte Methode. Es besteht aus mehreren Schritten:

  • Bewusstmachung des Verhaltens
  • Selbstbeobachtung und Protokollierung
  • Erlernen eines Ersatzverhaltens
  • Entspannungstechniken

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hilft, Gedankenmuster zu erkennen und zu verändern. Sie arbeitet auch an den Auslösern und der Emotionsregulation.

Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist ein neuerer Ansatz. Sie fördert die Akzeptanz negativer Gefühle. Gleichzeitig stärkt sie die Ausrichtung auf eigene Werte.

Eine besondere Technik ist die Entkopplung. Dabei wird die Picking-Bewegung durch eine ähnliche, aber unschädliche Bewegung ersetzt. Studien zeigen: Diese Selbsthilfetechnik kann bei manchen Betroffenen gut wirken.

Medikamente

Derzeit gibt es kein zugelassenes Medikament speziell für Dermatillomanie. Verschiedene Wirkstoffe werden aber eingesetzt:

SSRIs (Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer): Antidepressiva wie Fluoxetin oder Citalopram zeigen gemischte Ergebnisse. Sie helfen bei einigen Patienten, aber nicht bei allen.

N-Acetylcystein (NAC): Diese Aminosäure zeigt in Studien vielversprechende Ergebnisse. Sie beeinflusst das Glutamat-System im Gehirn.

Lamotrigin: Dieses Antiepileptikum kann bei manchen Betroffenen helfen.

Opioid-Antagonisten wie Naltrexon: Sie beeinflussen das Belohnungssystem und können den Drang reduzieren.

Die Forschungsgruppe an der Universität zu Köln hat wichtige Arbeiten zu Diagnostik und Behandlung verfasst. Ihre Ergebnisse wurden bei uni-koeln.de veröffentlicht.

Wie ist der Krankheitsverlauf?

Die Dermatillomanie verläuft meist chronisch. Ohne Behandlung bessert sie sich selten von selbst. Viele Betroffene erleben Phasen mit stärkeren und schwächeren Symptomen.

Mit Behandlung können viele Menschen eine Remission erreichen. Das bedeutet: Die Symptome sind stark reduziert oder verschwunden. Aber das Rückfallrisiko bleibt bestehen.

Studien zur Langzeitwirkung von Behandlungen zeigen: Nach zwei Jahren halten die Verbesserungen bei vielen Patienten an. Selbsthilfetechniken können dabei unterstützen.

Das größte Problem ist die Behandlungslücke. Nur etwa 45% der Betroffenen suchen je professionelle Hilfe. Von denen, die einen Dermatologen aufsuchen, erhalten nur 19% eine psychiatrische Behandlung.

Gründe dafür sind:

  • Scham und Verlegenheit
  • Unwissen über die Störung
  • Zweifel, ob es „schlimm genug“ ist
  • Unsicherheit, wo man Hilfe findet
  • Fehlendes Wissen bei Ärzten

Was können Betroffene selbst tun?

Selbsthilfestrategien können die Behandlung unterstützen:

Trigger identifizieren: Ein Tagebuch hilft, Situationen zu erkennen, die das Picking auslösen. Stress? Langeweile? Bestimmte Orte oder Zeiten?

Barrieren schaffen: Handschuhe tragen. Pflaster auf gefährdete Stellen kleben. Spiegel abdecken.

Hände beschäftigen: Fidget-Toys, Knete oder Igelbälle können die Hände ablenken.

Hautpflege: Regelmäßige Pflege kann das Bedürfnis reduzieren, an der Haut zu arbeiten.

Umgebung anpassen: Pinzetten und andere Werkzeuge entfernen oder schwer zugänglich machen.

Online-Selbsthilfegruppen bieten Austausch mit anderen Betroffenen. Das kann gegen die Isolation helfen.

Historischer Hintergrund der Erkrankung

Die erste wissenschaftliche Beschreibung stammt aus dem Jahr 1875. Der englische Dermatologe Erasmus Wilson prägte den Begriff „neurotische Exkoriation“.

1898 beschrieb der französische Dermatologe Louis-Anne-Jean Brocq den Fall einer jugendlichen Patientin. Sie kratzte unkontrolliert an ihrer Akne.

Lange Zeit galt Skin-Picking nur als Symptom anderer Störungen. Erst 2013 erfolgte die Aufnahme als eigenständige Diagnose im DSM-5. Das war ein wichtiger Schritt für die Anerkennung.

Die deutsche medizinische Literatur bei thieme-connect.com bietet aktuelle Übersichtsarbeiten zum Thema.

Abgrenzung zu verwandten Störungen

Dermatillomanie ist Teil einer größeren Gruppe: die körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen (BFRBs).

Dazu gehören:

  • Trichotillomanie: Haare ausreißen
  • Onychophagie: Nägelkauen
  • Dermatophagie: Haut essen oder

Melanie ist eine Marketing-Managerin mit einer Leidenschaft für Kreativität und Innovation. Neben ihrer beruflichen Laufbahn schreibt Melanie für Parifar und verbindet dabei ihre beiden anderen Hobbies - Reisen und DIY.

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