Neurodermitis (atopische Dermatitis, atopisches Ekzem) ist eine chronische, in Schüben verlaufende Entzündung der Haut. Leitsymptome sind starker Juckreiz und trockene, gerötete, teils nässende Ekzeme. Ursache ist ein Zusammenspiel aus gestörter Hautbarriere, überaktivem Immunsystem und äußeren Auslösern. Neurodermitis ist nicht ansteckend.
Wie häufig ist Neurodermitis?
Neurodermitis ist die häufigste chronische Hauterkrankung im Kindesalter. Die Zahlen für Deutschland:
| Gruppe | Häufigkeit | Quelle |
|---|---|---|
| Kinder und Jugendliche (0–17 Jahre), jemals ärztlich diagnostiziert | 12,8 % | RKI, KiGGS Welle 2 (2014–2017) |
| Kinder und Jugendliche, in den letzten 12 Monaten betroffen | 7,0 % (rund 900.000) | RKI, KiGGS Welle 2 |
| Erwachsene | schätzungsweise 2–5 % | gesundheitsinformation.de (IQWiG) |
Die Erkrankung beginnt meist im Säuglingsalter, häufig zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat. Laut RKI wird sie am häufigsten im Alter von 0 bis 2 Jahren erstmals festgestellt. Bei etwa der Hälfte der betroffenen Babys klingt sie innerhalb von drei Jahren ab. Im Erwachsenenalter kann sie zurückkehren, oft als Handekzem.
Ursachen: Hautbarriere, Immunsystem, Veranlagung
Gestörte Hautbarriere (Filaggrin)
Die oberste Hautschicht hält Wasser in der Haut und Reizstoffe draußen. Ein wichtiger Baustein dafür ist das Eiweiß Filaggrin. 2006 zeigte eine Studie in Nature Genetics, dass zwei Funktionsverlust-Varianten im Filaggrin-Gen (FLG) ein starker Risikofaktor für Neurodermitis sind. Etwa 9 % der Menschen europäischer Herkunft tragen eine dieser Varianten. Die Folge ist eine durchlässigere Haut: Sie verliert mehr Wasser, trocknet aus, und Reizstoffe, Allergene und Bakterien dringen leichter ein. Nicht jeder Mensch mit Neurodermitis hat eine FLG-Variante, und nicht jeder Träger erkrankt.
Überaktive Immunreaktion
In der entzündeten Haut dominiert eine sogenannte Typ-2-Entzündung mit Botenstoffen wie Interleukin-4 und Interleukin-13. Genau hier setzen moderne Medikamente wie Dupilumab oder Tralokinumab an (siehe Behandlung nach Stufenschema). Viele Betroffene bilden zusätzlich IgE-Antikörper gegen Umweltallergene.
Hautflora und familiäre Veranlagung
Auf Neurodermitis-Haut ist die Bakterienbesiedlung verändert, häufig mit mehr Staphylococcus aureus. Das Bakterium kann Schübe auslösen und Ekzeme infizieren. Neurodermitis gehört mit Heuschnupfen und allergischem Asthma zu den atopischen Erkrankungen, die in Familien gehäuft auftreten.
Typische Auslöser im Überblick
Auslöser verursachen die Krankheit nicht, sie lösen aber Schübe aus oder verschlimmern sie. Welche Faktoren eine Rolle spielen, ist individuell. Die S3-Leitlinie empfiehlt, die persönlichen Trigger gezielt zu ermitteln. Ein Symptom-Tagebuch hilft dabei.
| Auslöser | Beispiele | Details |
|---|---|---|
| Hautreizende Stoffe | raue Wolle, alkalische Seifen, Duftstoffe, Reibung | Hautpflege und Kleidung im Alltag |
| Pollen | Birke, Gräser, Beifuß (bei nachgewiesener Sensibilisierung) | Pollen und Ekzem |
| Allergene in Innenräumen | Hausstaubmilben, Tierallergene, Schimmel | Allergene in der Wohnung |
| Klima | Hitze und Schwitzen, Kälte, trockene Heizungsluft | – |
| Infektionen | Staphylococcus aureus, Herpesviren | siehe „Wann zum Arzt?“ |
| Psychische Belastung | Stress, Schlafmangel | Juckreiz und Kratzen |
| Nahrungsmittel | v. a. bei Kleinkindern mit mittelschwerer bis schwerer Neurodermitis, z. B. Kuhmilch, Hühnerei | nur nach ärztlicher Diagnostik meiden |
| Tabakrauch | aktives und passives Rauchen | laut Leitlinie meiden |
Wichtig bei Nahrungsmitteln: Ein positiver Allergietest allein beweist keinen Zusammenhang mit dem Ekzem. Die Leitlinie verlangt eine Bestätigung durch Weglassen und gezielte Provokation. Pauschale Diäten, etwa der generelle Verzicht auf Kuhmilch oder Gluten, empfiehlt sie ausdrücklich nicht.
Welche Rolle psychische Belastung spielt, erklärt unser Artikel Neurodermitis und Stress.
Symptome nach Lebensalter
| Alter | Typische Stellen | Aussehen |
|---|---|---|
| Säuglinge | Wangen, Kopfhaut, Außenseiten von Armen und Beinen | gerötet, nässend, gelbliche Krusten |
| Kleinkinder und Schulkinder | Ellenbeugen, Kniekehlen, Handgelenke, Nacken | trockene, verdickte, vergröberte Haut (Lichenifikation) |
| Jugendliche und Erwachsene | Beugen, Nacken, Gesicht, Hals, Hände | trockene Ekzeme, oft großflächig verdickt |
Hinzu kommen Zeichen, die Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnose nutzen: eine doppelte Lidfalte unter dem Auge (Dennie-Morgan-Falte), gelichtete seitliche Augenbrauen (Hertoghe-Zeichen) und ein weißer statt roter Strich, wenn man mit dem Fingernagel über die Haut fährt (weißer Dermographismus).
Praktische Hilfe für Familien gibt der Ratgeber Neurodermitis bei Kindern im Alltag.
Wie wird Neurodermitis diagnostiziert?
Es gibt keinen Bluttest, der Neurodermitis beweist. Die Diagnose ist klinisch:
- Anamnese: Verlauf, Juckreiz, Allergien in der Familie, Beruf.
- Untersuchung der gesamten Haut: Ein stark juckender Ausschlag an den alterstypischen Stellen, der über Monate besteht oder wiederkehrt, ist typisch.
- Gezielte Allergiediagnostik: Haut- oder Bluttests nur bei konkretem Verdacht. Ein ungezieltes „Allergie-Screening“ lehnt die Leitlinie ab.
- Epikutantest: bei Verdacht auf eine zusätzliche Kontaktallergie, etwa gegen Inhaltsstoffe von Cremes.
- Abgrenzung: Bei unklarem Bild prüft die Ärztin andere Erkrankungen, zum Beispiel Kontaktekzem, Schuppenflechte oder Pilzinfektion. Bei Erwachsenen kann eine Gewebeprobe nötig sein.
Laborwerte wie das Gesamt-IgE sagen nichts über den Schweregrad aus und werden dafür laut Leitlinie nicht bestimmt.
Behandlung: die Themen im Überblick
- Behandlung nach Stufenschema: von Kortison- und Calcineurin-Cremes bis zu Biologika und JAK-Hemmern.
- Basistherapie: welche Pflege, wie oft, wie viel, richtig baden.
- Hautpflege im Alltag: Produkte, Kleidung, Waschmittel, Sport, Sonne.
- Juckreiz lindern: Soforthilfe, Nacht, Kinder, Neurodermitisschulung.
- Pollen und Ekzem: Schübe in der Pollensaison.
- Allergene in der Wohnung: Milben, Tiere, Schimmel.
Wann zum Arzt?
- Beim ersten Verdacht, besonders bei Babys und Kleinkindern: Die Diagnose und ein schriftlicher Behandlungsplan gehören in ärztliche Hand.
- Wenn Juckreiz den Schlaf stört oder Ekzeme trotz Pflege nicht abheilen.
- Sofort bei gelben Krusten, Eiterpusteln oder schnell zunehmender Rötung: Zeichen einer bakteriellen Infektion.
- Notfall: gruppierte Bläschen oder wie ausgestanzt wirkende Wunden, dazu Fieber, Krankheitsgefühl oder geschwollene Lymphknoten. Das kann ein Eczema herpeticatum sein, eine Herpes-Infektion, die laut Leitlinie umgehend antiviral behandelt werden muss.
- Wenn die Erkrankung die Stimmung dauerhaft drückt: Depression und Angst treten bei Neurodermitis gehäuft auf und sind behandelbar.
Quellen
- AWMF: S3-Leitlinie Atopische Dermatitis (Register-Nr. 013-027)
- DDG/BVDD: Leitlinienimplementierungshilfe S3-Leitlinie Atopische Dermatitis (Stand 04/2026)
- Robert Koch-Institut: Allergische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen – KiGGS Welle 2, Journal of Health Monitoring 3/2018
- gesundheitsinformation.de (IQWiG): Neurodermitis bei Babys, Kleinkindern und Erwachsenen
- Palmer CN et al.: Common loss-of-function variants of the epidermal barrier protein filaggrin are a major predisposing factor for atopic dermatitis. Nature Genetics 2006
- Kinderärzte im Netz (BVKJ): Neurodermitis – Symptome und Krankheitsbild
- Deutscher Allergie- und Asthmabund (DAAB): Auslöser der Neurodermitis
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Beratung.






